3.2 PV-Überschussladen: Volltanken für 0 Euro (fast)

Das Elektroauto und die Photovoltaikanlage sind das „Dream-Team“ der modernen Energiewende. Doch einfach nur das Auto an die Steckdose zu hängen, wenn man nach Hause kommt, ist noch kein intelligentes Konzept. Die wahre wirtschaftliche Magie entsteht beim sogenannten PV-Überschussladen. Dabei wird das Elektroauto zu einer Art „Schwamm“, der exakt nur die Energie aufsaugt, die Dein Haus gerade nicht selbst verbrauchen kann und die sonst für eine geringe Vergütung ins Netz fließen würde. In diesem Artikel erfährst Du, wie Du Dein Auto zur günstigsten Tankstelle der Welt machst und warum Du dafür eine intelligente Wallbox brauchst.

Das Prinzip: Nur die Reste landen im Tank

Stell Dir vor, Dein Haus ist ein Buffet. Zuerst bedienen sich Deine festen Verbraucher wie Kühlschrank, Licht und Standby-Geräte. Wenn dann noch etwas übrig ist, wird der Hausspeicher geladen. Erst wenn auch dieser voll ist oder mit ausreichender Leistung geladen wird, entsteht ein „Überschuss“. Anstatt diesen nun für etwa 8 Cent an den Netzbetreiber zu verkaufen, leitet Deine intelligente Wallbox diesen Strom in den Akku Deines Autos.

Das Auto „folgt“ dabei der Sonne. Zieht eine Wolke auf, reduziert die Wallbox sofort die Ladeleistung. Kommt die Sonne wieder hervor, regelt sie hoch. Dein Auto wird so geladen, ohne dass Du eine einzige Kilowattstunde teuren Netzstrom einkaufen musst. Deine Treibstoffkosten sinken damit auf die reinen Gestehungskosten Deiner Solaranlage – und die liegen oft bei nur 8 bis 10 Cent pro Kilowattstunde. Umgerechnet auf 100 Kilometer fährst Du also für etwa 1,50 bis 2,00 Euro.

Die technische Voraussetzung: Kommunikation ist alles

Damit das Überschussladen funktioniert, müssen drei Komponenten im Dreieck kommunizieren: der Wechselrichter (oder das Smart Meter), das HEMS (Energiemanager) und die Wallbox.

Die Wallbox muss „steuerbar“ sein. Ein einfaches Modell, das nur „An“ oder „Aus“ kennt, reicht hier nicht aus. Sie muss in der Lage sein, die Ladeleistung in kleinen Schritten anzupassen. Die meisten Elektroautos laden dreiphasig mit mindestens 4,1 kW (6 Ampere). Liefert Dein Dach aber gerade nur 2 kW Überschuss, würde eine normale Wallbox entweder gar nicht laden oder den Rest teuer aus dem Netz zukaufen. Hier kommt ein wichtiges Feature ins Spiel: die Phasenumschaltung.

Die Geheimwaffe: Automatische 1-/3-Phasenumschaltung

Gute Wallboxen können während des Ladevorgangs zwischen einphasigem und dreiphasigem Laden umschalten.

  • Einphasig: Du kannst bereits ab ca. 1,4 kW Überschuss laden. Das ist ideal für bewölkte Tage oder den frühen Vormittag.
  • Dreiphasig: Sobald die Sonne richtig brennt und über 4,1 kW Überschuss da sind, schaltet die Box auf drei Phasen um und lädt mit bis zu 11 kW (oder mehr).

Diese Flexibilität ist der Schlüssel zu einer hohen Eigenverbrauchsquote. Ohne diese Umschaltung würdest Du viele Stunden ungenutzten Sonnenstroms verschenken, weil die „Hürde“ von 4,1 kW für den Start des Ladevorgangs zu hoch wäre.

Ladestrategien: Von „Nur Solar“ bis „Schnell“

Ein intelligentes System bietet Dir verschiedene Modi, damit Du trotz aller Sparsamkeit flexibel bleibst:

  1. Pure PV: Es wird ausschließlich Überschuss geladen. Wenn die Sonne weg ist, stoppt die Ladung. Das ist die günstigste Art zu fahren, erfordert aber Zeit und ein Auto, das tagsüber zu Hause steht.
  2. PV-Minimum: Du legst fest, dass das Auto immer mit mindestens 1,4 kW geladen wird (egal woher der Strom kommt), aber jeder Überschuss darüber hinaus mitgenommen wird. So ist das Auto am nächsten Morgen auf jeden Fall fahrbereit.
  3. Ziel-Laden: Du sagst der App: „Ich brauche morgen um 8:00 Uhr 80 % Akku.“ Das System lädt so viel Sonne wie möglich und füllt den Rest nachts (evtl. mit günstigem dynamischem Stromtarif) auf.

Warum das E-Auto der beste Speicher ist

Dein Hausspeicher hat meist eine Kapazität von 5 bis 15 kWh. Ein E-Auto-Akku hingegen fasst oft 50 bis 100 kWh. Das Auto ist also ein riesiger Energiespeicher, der die Eigenverbrauchsquote Deiner PV-Anlage massiv nach oben treibt.

In der ökonomischen Betrachtung ist das E-Auto sogar der „effizientere“ Speicher: Während der Hausspeicher den Strom chemisch speichert, um ihn später wieder in Wechselstrom für das Haus umzuwandeln (was Wandlungsverluste verursacht), nutzt das Auto den Strom direkt für die Mobilität. Du ersetzt mit dem Solarstrom nicht nur 35 Cent Netzstrom, sondern ca. 1,80 Euro für einen Liter Diesel. Der Hebel ist hier also am größten.

Die Herausforderung: Das Auto muss da sein

Das größte Hindernis für perfektes Überschussladen ist die Abwesenheit. Wer tagsüber mit dem Auto zur Arbeit pendelt, kann die Mittagsspitze nicht direkt nutzen. Hier gibt es zwei Lösungsansätze:

  • Der Zweitwagen: Oft steht ein Auto (z. B. das des Partners oder der Partnerin) tagsüber zu Hause. Dieses wird dann zum primären „Solarschlucker“.
  • Wochenendlader: Moderne Akkus sind groß genug, um die Pendelstrecke einer ganzen Woche abzudecken. Wer am Samstag und Sonntag konsequent Überschuss lädt, fährt oft die ganze Woche „sonnenbetrieben“.

Fazit: Die Tankstelle auf dem Dach

PV-Überschussladen ist die konsequenteste Form der Sektorenkopplung. Es macht Dich unabhängig von den Ölmultis und den Preisentwicklungen an den Zapfsäulen. Mit der richtigen Hardware (Wallbox mit Phasenumschaltung) und einer klugen Strategie wird Dein E-Auto zum größten Renditebeschleuniger Deiner PV-Anlage.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, an der Tankstelle vorbeizufahren und zu wissen: „Mein Treibstoff ist heute Mittag auf meinem eigenen Dach gewachsen.“ Das ist gelebte Freiheit und wirtschaftliche Vernunft in einem.

Im nächsten Artikel gehen wir einen Schritt weiter in die Zukunft: Wir schauen uns das Vehicle-to-Home (V2H) Konzept an – wenn Dein Auto nachts nicht nur parkt, sondern Dein Wohnzimmer beleuchtet.

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